Migrationsprojekt: Herausforderungen & Vorgehen bei der Migration von Lebensversicherungsverträgen

Versicherer haben die Notwendigkeit der Modernisierung ihrer IT erkannt und sind mittendrin, die erforderlichen Schritte umzusetzen. Das geht aus einer Studie der Versicherungsforen Leipzig und der enowa AG hervor. Gründe, weshalb IT-Systeme erneuert oder vereinheitlicht werden müssen und somit Migrationsprojekte erforderlich sind, gibt es viele: 

  • Fusionen und Zukäufe (M&A) führen zu mehreren IT-Landschaften, die parallel laufen und erhöhte Kosten verursachen
  • Bestandsübernahmen führen zu mehreren Bestandsverwaltungssystemen im Unternehmen
  • Umstellung auf moderne, digitale und effiziente Technologien und Systeme ist nötig, um wettbewerbsfähig zu bleiben 

…um nur ein paar zu nennen. Eine Migration bietet Versicherern die Möglichkeit, die Geschäftsprozesse und die Vertragsverwaltung für die migrierten Vertragsbestände an die neuesten Information- und Kommunikationsbedürfnisse der Kunden anzupassen und sorgt somit für einen besseren Kundenservice. IT-Systeme mit modernem Technologie-Stack ermöglichen es Versicherern, auf künftige Anforderungen leichter zu reagieren und neue Produkte schneller auf den Markt zu bringen. Darüber hinaus lassen sich in einer konsolidierten IT-Landschaft regulatorische Anforderungen einfacher umsetzen bzw. pflegen sowie Abläufe im Versicherungsbetrieb effizienter gestalten.

Inhalt

  • Gründe und Vorteile einer Bestandsmigration
  • Typische Herausforderungen 
  • Ablauf / Phasen einer Migration
    • Vorbereitung
    • Implementierung
    • Migrationstest
    • Durchführung
  • Migrationsprozess 
  • Erfolgsfaktoren im Migrationsprojekt
Symbolbild für ein Migrationsprojekt - Würfel schweben in der Luft. Sie symboliseren die zu migrierenden Daten

Typische Herausforderungen in Migrationsprojekten

Unerlässlich für eine erfolgreiche Migration ist, dass möglichst alle Daten vollständig und korrekt vom alten Bestandssystem auf die neue Zielplattform übermittelt werden. Wichtig dabei: Kunden dürfen durch die Migration auf keinen Fall schlechter gestellt werden. Genau diese Anforderungen stellen Versicherer vor diverse Herausforderungen:

  • Die Tariflandschaft und Geschäftsvorfälle im Quellsystem müssen analysiert werden. Bei vorhandenen Fehlern im Quellsystem sind zudem Bestandsbereinigungen durchzuführen.
  • Im Zielsystem muss das Projektteam die Abbildung der Tarife und Geschäftsvorfälle analysieren, umsetzen und anschließend durch den aktuariellen Rechenkerntest ausreichend testen. 
  • Datenmodelle von Alt- und Neuanwendung unterscheiden sich oftmals hinsichtlich der Struktur und Datenführung. Für die Datenübertragung muss das Projektteam die Datenmodelle analysieren und Transformationsregeln konzipieren.
  • Die Schnittstellen zu den Randsystemen (z. B. Inkasso/Exkasso, Provisionen, Briefschreibungen etc.) müssen überprüft und an dem Bestandsführungssystem angebunden werden.
  • Das Migrationscontrolling muss alle Abweichungen von relevanten Prüfwerten zwischen Quell- und Zielsystem einzelvertraglich analysieren. Es ist sicherzustellen, dass alle für den Kunden garantierte Werte auch nach der Migration eingehalten werden.
  • Ein Migrationsprojekt darf das Tagesgeschäft und die Produkt-Weiterentwicklung nicht behindern. 

Es verwundert daher kaum, dass Migrationsprojekte oftmals als Mammutprojekt bezeichnet werden. Sie sind ein komplexes Unterfangen, das personelle und finanzielle Ressourcen meist über Jahre bindet. Mit einer durchdachten Migrationsstrategie und einer systematischen Herangehensweise sind diese Herausforderungen jedoch zu meistern. Worauf es dabei ankommt? Ein Einblick am Beispiel der Migration von Lebensversicherungsverträgen.  

Ablauf eines Migrationsprojektes

Einzelne Schritte im Migrationsprojekt
Vier Phasen einer Bestandsmigration

1. Vorbereitung des Migrationsprojektes – das Migrationskonzept

In der Vorbereitungsphase (auch Vorstudie genannt) der Migration findet die fachliche Analyse und Feinkonzeption statt. Das Projektteam erstellt eine Projektstruktur und einen Projektplan, der die Meilensteine und den zeitlichen Ablauf festlegt. Basierend hierauf erarbeitet das Projektteam ein Migrationskonzept. Es beschreibt detailliert das fachliche und technische Vorgehen bei der Migration. Dazu gehören:

  • Migrationsstrategie
  • Technische Prozesse (Abziehen der Daten, Laden, …)
  • Migrationsverfahren
  • Migrationswege / Architektur
  • Besonderheiten von Quell und Zielsystemen
  • Besondere Vertragskonstellationen
  • Zusammenspiel mit den Randsystemen
  • Testprozess, Abnahmeverfahren, Toleranzen
  • Projektplanung 

Die Wahl der Strategie hängt u. a. von der Komplexität und dem Volumen des Versicherungsbestands sowie von der Art der Bestandsmigration (Run-off vs. mit Neugeschäft) ab. Für die Ablösung eines Altsystems stehen grundsätzlich zwei Migrationsstrategien zur Auswahl:

a. Big-Bang-Migration (Einführung in einem Schritt)

Innerhalb eines festgelegten Zeitraums – häufig an einem Wochenende – wird das Altsystem abgelöst, das Neusystem installiert sowie Systemteile und Daten migriert. Diese Strategie erfordert eine längere Vorbereitungsphase, erleichtert jedoch die Arbeit der Sachbearbeiter. 

Tipp: Erfahrungsgemäß ist bei einer Big-Bang-Migration der Druck auf die produktive Migration größer, da sich der Erfolg auf einen einzelnen Migrationstermin konzentriert. Die Vorbereitungs- und Implementierungsphase benötigen im Vergleich zur Tranchen-Migration mehr Zeit, da im Zielsystem zunächst alle Tarife angelegt werden müssen. Aus diesen Gründen ist eine Big-Bang-Migration eher bei kleinen Beständen oder bei Beständen mit einer begrenzten Anzahl an Tarifen zu empfehlen. 

 
b. Tranchen-Migration (stufenweise Einführung) 

Bei dieser Strategie wird der Bestand in mehreren Tranchen aufgeteilt. Das Altsystem wird schrittweise in mehreren Teilen zu unterschiedlichen Zeitpunkten migriert. In diesem Fall laufen für eine Übergangszeit Ziel- und Quellsystem parallel nebeneinander. 

Tipp: Es ist wichtig, bereits zu Beginn die Kriterien und die Anzahl der Tranchen festzulegen. Dabei ist auf eine sinnvolle Aufteilung des Bestandes, z. B. nach Tarifen oder nach besonderen Vertragsmerkmalen wie bspw. Dynamiken oder Zusatzversicherungen zu achten. Außerdem sollten frühzeitig die Meilensteine und Migrationstermine für die einzelnen Tranchen festgelegt und dabei auf eine realistische Zeitplanung geachtet werden. Bei komplexen Versicherungsbeständen kann eine Restanten-Tranche eingeplant werden, in welche alle problematischen Verträgen aus den vorherigen Tranchen verschoben werden. 
 

2. Die Implementierungsphase 

In der Implementierungsphase richtet das Projektteam die Migrationsarchitektur ein und führt eine detaillierte Delta-Analyse durch. Es werden zudem die Produkte/Tarife im Zielsystem implementiert und Transformationsregeln für die Datenübertragung entwickelt. Darüber hinaus baut das Projektteam den aktuariellen Rechenkerntest auf und erstellt die technische Infrastruktur für die Testumgebungen. Damit steht die Basis für den großen Auftritt.  

3. Migrationstestphase

Nach der Implementierungsphase findet die Migrationstestphase statt. In dieser Phase werden die Tarife und Geschäftsvorfälle getestet. Ein aktuarieller Test (ATE-Test) prüft die mathematische Korrektheit und Funktionalität. Dabei simuliert der Test komplette Lebenszyklen – von Tarifierung bis Abgang inkl. außerplanmäßige technische Änderungen. Auf dem aktuariellen Test setzt dann das Migrationscontrolling auf, welches die versicherungstechnischen Werte auf der Basis eines Einzelvertrags massenhaft testet. 

4. Durchführung der Migration

Die letzte Testphase vor der produktiven Migration ist die Generalprobe. Dort führen die Beteiligten den gesamten Migrationsablauf genau so aus, wie er für die produktive Migration vorgesehen ist. Es ist wichtig, dass die Generalprobe vollständig und unter den Bedingungen abläuft, die bei der produktiven Migration zu erwarten sind. 

Tipp: Es ist wichtig, auf die Einhaltung des Migrationsdrehbuches zu achten. Dabei eignet es sich, die einzelnen Tätigkeiten aus dem Migrationsdrehbuch als Aufgaben-Tickets in einem Test- und Dokumentationstool (z. B. JIRA) zu erfassen, um so den Ablauf der Generalprobe besser nachverfolgen zu können. Außerdem hat dies den Vorteil, dass die zuständige Person für die Folgetätigkeit direkt informiert wird. 
Bei größeren Migrationsprojekten ist es üblich, auch zwei Generalproben vor der produktiven Migration einzuplanen.

Nach erfolgreicher Generalprobe erteilt der verantwortliche Aktuar die aktuarielle Freigabe für die Migration. Alle Verträge der zu migrierende Tranche, die im Migrationscontrolling keine Abweichungen mehr aufzeigen, werden in das Zielsystem migriert und anschließend zur Bearbeitung freigegeben. Fehlerhafte Verträge werden entweder in die nächste Tranche verschoben, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu migrieren, oder mit einer Bearbeitungssperre versehen, sofern keine Verschiebung möglich ist (z. B bei einer Big-Bang-Migration). Die Abweichungen in den fehlerhaft migrierten Verträgen werden nach der produktiven Migration von den Migrationsaktuaren weiter analysiert, bis das Projektteam die Fehlerursache ausfindig macht. Anschließend wird ein Korrekturskript erstellt und in Produktion ausgeführt, welches die Fehler bereinigt und die Bearbeitungssperre aufhebt.

Der Migrationsprozess

Wie läuft die technische Migration ab?

Der technische Ablauf der Migration erfolgt im erweiterten ETL-Prozess und umfasst folgende Schritte: 

  • Extrahieren (E)
  • Transformieren (T) 
  • Neuberechnen (NB)
  • Laden (L) 
     

 

Dabei stellt die Neuberechnung des Vertrags – auch Policierung mit anrechenbaren Werten genannt – den entscheidenden und notwendigen Unterschied zum Standard-ETL-Prozess dar.  

Ablauf der Datenmigration im Migrationsprojekt
Ablauf der Datenmigration

Alle migrationsrelevanten Daten von zu migrierenden Verträgen werden aus dem Quellsystem des Versicherungsunternehmen extrahiert und in einer Migrationsdatenbank bereitgestellt. Stornierte Verträge sowie im Migrationsjahr ablaufende Verträge werden in der Regel nicht im Zielsystem migriert. 
Damit die extrahierten Daten in das Zielsystem übertragen werden können, müssen sie aus dem Quellsystem in eindeutiger Form zur Verfügung gestellt werden. Dies geschieht in der Migrationsschnittstelle. Zur automatischen Befüllung der Schnittstelle wird i. d. R. ein Konvertierungsprogramm benutzt, welches die Daten aus dem Quellsystem ausliest und die Migrationsschnittstelle befüllt.  
Die Transformation der Daten, auch Daten-Mapping genannt, erfolgt gemäß festgelegten Mapping-Regeln, die in einem oder mehreren Dokumenten erfasst werden. Je nach Attribut kann die Transformationsregel einfach (1:1 Übertragung oder einfache Umwandlung von Werten) bis zu sehr komplex sein. 

Wie erfolgt die Neuberechnung des Vertrages?

Nach Migration des Vertrages im Initialzustand findet zum Migrationsstichtag (Wirksamkeitsdatum, der den logischen Übernahmezeitpunkt des Vertrags im Zielsystem angibt) durch einen weiteren Arbeitsschritt eine konstruktive Neuberechnung des Vertrages unter Vorgabe von anrechenbaren Werten statt. Dieser Arbeitsschritt (Policierung mit anrechenbaren Werten) nutzt das Standardberechnungsverfahren des Rechenkerns. Das Standardverfahren unterscheidet sich in Abhängigkeit des Vertragszustandes: 

Wie wird sichergestellt, dass sich der Beitrag für den Kunden nicht ändert und die Leistung identisch bleibt? 

a. Standardverfahren für beitragspflichtige Verträge 

Bei beitragspflichtigen konventionellen Lebensversicherungsverträgen werden die absoluten Leistungen vorgegeben und das Deckungskapital übernommen. Der Tarifbeitrag und die sonstigen Bestandteile des Zahlbeitrags werden neu berechnet. Anschließend wird eine Migrationsdifferenz zwischen dem übernommenen Zahlbeitrag und dem berechneten Zahlbeitrag ermittelt. Diese Migrationsdifferenz dient als Beitragskorrektur und stellt sicher, dass der Kundenbeitrag unverändert bleibt. 

Nach Migration müssen Leistung und Beitrag identisch leiben
Nach dem Äquivalenzprinzip dürfen sich durch die Migration weder Beitrag, Deckungskapital noch die Leistung ändern.

b. Standardverfahren für beitragsfreie und leistungspflichtige Verträge

Bei beitragsfreien und leistungspflichtigen konventionellen Lebensversicherungsverträgen werden ebenfalls die absoluten Leistungen vorgegeben. Das zunächst übernommene Deckungskapital wird im Zielsystem neu berechnet. Falls das neu berechnete Deckungskapital niedriger ausfällt, muss eine Reserveauffüllung in Höhe der Abweichung erfolgen, um den Kunden nicht schlechter zu stellen.

c. Standardverfahren für Fondsverträge

Bei Fondsverträgen findet im Gegensatz zu konventionellen Lebensversicherungsverträgen keine Neuberechnung statt. Der Zahlbeitrag sowie die Leistungen werden vorgegeben und das Guthaben in Form von Fondsanteilen zum Migrationsstichtag übernommen. Nach Migration des Vertrages entstehen somit zunächst keine Abweichungen. Erst in der Fortschreibung durch zukünftige Beitragszerlegungen können sich Abweichungen ergeben, die im Rahmen der Tests und des Migrationscontrolling geprüft werden müssen. Dies ist vor allem der Fall, wenn der Migrationsstichtag des Vertrags vor dem Migrationstermin (physischer Durchführungstermin der Migration) liegt. 

Fazit: Erfolgsfaktoren im Migrationsprojekt

Um eine erfolgreiche Migration durchzuführen, sollte man…

  • rechtzeitig mit der Vorbereitung / Vorstudie anfangen und die zentralen Knackpunkte angehen.
  • möglichst eine Vereinheitlichung der mathematischen Verfahren schaffen und die Abbildung von Exoten-Tarife im Zielsystem vermeiden.
  • alle Verantwortlichen von Quelle und Ziel (IT, Aktuariat, Prozesse usw.) frühzeitig im Projekt mit einbeziehen, denn nur wenn alle Stakeholder im Projekt involviert sind, kann ein gemeinsamer Erfolg gelingen.
  • Prüfwerte und Toleranzgrenzen im Migrationscontrolling festlegen und die Wirtschaftsprüfer frühzeitig einbeziehen.
  • wesentliche Entscheidungen frühzeitig treffen. 
  • Zeitplan und Meilensteine einhalten.
  • Abweichungen zwischen Quell- und Zielsystem nicht bis zum kleinsten Detail analysieren. Vielmehr kommt es darauf an, dass man zwischen Exaktheit und Aufwand abwägt und zudem die Auswirkungen auf den Kunden im Blick behält.
  • ausreichend Zeit für den Test und Migrationscontrolling einplanen: Je frühzeitig mit dem Test begonnen wird, desto früher können Fehler identifiziert und behoben werden. Eine längere Testphase verringert somit die Anzahl an potentiellen Fehlern und erhöht die Qualität der Migration. 

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Autor
Senior Consultant enowa AG
Luca De Conti
Senior Consultant

Luca De Conti ist Senior Consultant bei der enowa AG. Er hat mehrjährige Erfahrung in der aktuariellen Beratung, insbesondere in den Bereichen Migration von Lebensversicherungsbeständen. Sein Schwerpunkt liegt im Migrationscontrolling.

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