TAA-Prozess in der Versicherung: Wie Sie den Automatisierungsgrad steigern können

Es hat sich viel getan in der Digitalisierung von TAA-Prozessen: Noch vor 15 Jahren waren Versicherungsvertreter mit Laptop und portablen Drucker unterwegs. Heute kommen sie – modernen, digitalen TAA-Strecken sei Dank – ohne Papier aus. Und dennoch findet sich im digitalen TAA-Prozess (dem Dreiklang aus Tarifierung – Angebot – Antrag) weiteres Optimierungspotenzial. Das Ziel: Den Prozess möglichst vollständig zu automatisieren. Denn mit einer hohen Dunkelverarbeitungsquote gehen für Versicherer mehr Effizienz und weniger Zeitaufwand einher. Beides kann zu einer Absenkung der Kostenquote führen.

Doch wo als Versicherer ansetzen, um den Automatisierungsgrad im digitalen TAA-Prozess zu erhöhen? Wir nehmen vier mögliche Stellschrauben unter die Lupe:

  1. Annahmerichtlinie
  2. Underwriting 
  3. Produktmodellierung  
  4. Vertriebswege 
     
     
Mann sitzt am Bildschirm und geht Schritt für Schritt den digitalen TAA-Prozess einer Versicherung durch
Im TAA-Prozess von Versicherern findet sich weiteres Potenzial, um die Dunkelverarbeitungsquote zu erhöhen.

Fallbeispiel: Digitale TAA-Prozess im Firmengeschäft

Bei einem Firmen Sachantrag wird im Rahmen des TAA-Prozesses die Risikofrage gestellt, ob „Ausstellungsware in fremdem Eigentum“ vorhanden und dieses mitversichert werden soll. Beantwortet der Kunde die Frage im Rahmen eines Beratungsgespräches mit „ja“, kann der Antrag nicht automatisiert über die TAA-Strecke abgeschlossen werden. Es ist eine Hellverarbeitung notwendig.

Daraufhin kontaktiert der Berater des Kunden eine höhere Vollmachtsstufe beim Versicherer (z.B. Vertriebsunterstützer, Underwriter). Der Vollmachtsträger genehmigt nach eingehender Prüfung, dass unter einem Risikozuschlag von 30 %, eine entsprechende Klausel, zur Mitversicherung von „Ausstellungsware in fremdem Eigentum“, eingeschlossen werden kann. 

Der Antrag darf nach Rückmeldung des Vollmachtsträgers, durch den Berater entsprechend verändert, vom Kunden unterschrieben, anschließend an Betrieb übergeben und dort manuell in das Bestandsystem erfasst werden, damit der Versicherungsschein für den Kunden ausgefertigt werden kann.

Wie kann dieser Prozess dunkel bleiben oder wieder verdunkelt werden, um die Dunkelverarbeitungsquote zu erhöhen?

Änderung der Annahmerichtlinien

Manuelle Entscheidungen und fehlende Standardisierung sind die Show-Stopper, wenn es um eine vollständige und lückenlose Dunkelverarbeitung geht. In vielen Versicherungshäusern sind Annahmerichtlinien im Einsatz, die über 20 Jahre alt sind, in dieser Zeit gewachsen und komplex geworden sind. Wie im Fallbeispiel bedarf es oftmals der Autorisierungen durch eine höhere Vollmachtsstufe, um einen Antrag anzunehmen. Die Automatisierung der TAA-Strecke ist daher ein guter Zeitpunkt, die Annahmerichtlinien auf den Prüfstand zu stellen.

Hierzu ist der TAA-Prozess näher zu analysieren. Bleiben wir bei unserem Fallbeispiel: Wird die Frage „Ausstellungsware in fremdem Eigentum abzusichern“, in hoher Stückzahl mit „ja“ beantwortet und daraufhin eine Klausel mit einem immerwährenden, standardisierten Klauseltext sowie Risikozuschlag von 30 % in den Antrag manuell, nachträglich aufgenommen. Kann der Versicherer demzufolge im Rahmen der TAA-Streckenkonfiguration die immerwährende manuelle Klausel nebst Risikozuschlag automatisiert in den Antrag aufnehmen. Die entsprechende Risikoprämie für den Einschluss der Klausel für die verschiedenen Wagnisse sollte direkt bei einem angebundenen Tarifierungsservice für eine solche Klausel hinterlegt werden. Ein manueller Eingriff eines Risikoprüfers ist damit nicht mehr notwendig. Allein durch die Änderung der Annahmerichtlinie, kann das System den Antrag vollständig dunkel verarbeiten.

Underwriting

Die Aufgabe eines Underwriters ist es, besondere Risiken zu prüfen und zu bewerten. Doch genau hier liegt die Krux: Was heißt „besonders“? Mit einer entsprechenden Datengrundlage aus der TAA-Strecke lassen sich Ansatzpunkte identifizieren, anhand dessen im Underwriting weiter standardisiert werden kann. Das Ziel ist es, das Underwriting von unnötigem Ballast zu befreien, damit diese sich ganz auf ihr eigentliches Spezialwissen konzentrieren können.

Ziehen wir auch hier wieder unser Fallbeispiel heran. Scheidet die Änderung der Annahmerichtline aus – die Gründe hierfür können vielfältig sein – ist die Klausel prüfungspflichtig und muss über den Tisch des Underwriters laufen. Wie könnte dieser Fall mit geringstem Aufwand für den Underwriter dunkel weiterverarbeitet werden?

Eine mögliche Lösung: Die Einführung einer Underwriter Komponente mit Schnittstelle zur TAA-Strecke. Der Underwriter kann sich dort mit seinem Nutzernamen anmelden und in der Nutzeroberfläche den empfangenen Vorgang bearbeiten. Auf Knopfdruck kann er die Klausel mit dem entsprechenden Risikozuschlag einfügen, seine Entscheidung dokumentieren und den Vorgang wieder zurück an den Kundenberater geben. Dieser kann den Antrag dann entsprechend finalisieren und über die Dunkelstrecke mit der hinzugefügten Klausel und dem Risikozuschlag einreichen.

Produkt neu modellieren

Ebenso kann bei diesem Fallbeispiel – anstelle der Änderung der Annahmerichtlinien und der Implementierung der Klausel in der Underwriter Komponente – eine Produktmodellierung in Frage kommen. Ist die Klausel zur Mitversicherung von „Ausstellungsware in fremdem Eigentum“ im Produkt standardisiert enthalten, wird sie bei der Tarifierung entsprechend berücksichtigt. Es muss somit keine besondere Vereinbarung mit Risikozuschlag, durch höhere Vollmachtsträger, im Rahmen einer manuellen Risikobewertung getroffen werden.

Möchte der Kunde die Klausel vereinbaren, so kann der Berater nach einem schlanken Umbau des Userinterfaces, auf Basis der neuen Produktvorgaben, die Klausel einfach mit der entsprechenden beitragserhöhenden Wirkung auswählen. Es muss nicht nachgelagert in die Prozesskette eingegriffen werden. Die Antragsbearbeitung bleibt also auch mit diesem Mittel der Wahl dunkel.

Verschiedene Vertriebswege mitdenken

Die Vertriebswege von Versicherungen sind vielfältig. Als die wichtigsten Kanäle gelten noch immer – insbesondere im komplexen Firmengeschäft – Ausschließlichkeitsvermittler und Makler. Mit welchen Services können Vermittler und Makler unterstützt und gleichzeitig die Dunkelverarbeitung erhöht werden? 

Die größte Akzeptanz und gleichzeitig auch die höchste Automatisierungsquote erreichen Versicherer, wenn sie für Makler und Einfirmenvermittler von Beginn an passende Vollmachtsstufen und Wettbewerbskontingente implementieren. Diese sollen es ihnen ermöglichen, zusätzliche Rabattierungen und Sondervereinbarungen flexibel vorzunehmen, ohne dass höhere Vollmachtsstufen in die Prozesskette eingreifen müssen. Was heißt das für das Fallbeispiel? Der Vertriebspartner kann über die Nutzeroberfläche der TAA-Strecke direkt die gewünschte Klausel in den Vertrag eischließen und der Rechenkern gibt, wie unter „Änderung der Annahmerichtlinien“ dargestellt, direkt die entsprechende Prämie zurück.

Mehr zu den unterschiedlichen Anforderungen von Firmen- & Privatkundengeschäft an die TAA-Strecke hören Sie im Podcast:

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Exkurs: BiPRO TAA im Direktvertrieb

Direktvertrieb spielt im Firmenkunden-Bereich eine kleinere Rolle. Im Privatgeschäft hingegen ist der Direktvertrieb stark wachsend. Immer mehr Endkunden im Privatgeschäft schließen über Vergleichsportale & Co. ihre Versicherungen ab. Nahezu jeder Vergleichsrechner nutzt die Anbindung über BiPRO TAA. Die BiPRO-Norm 420 unterstützt beim spartenübergreifenden Austausch von Daten und erhöht damit die Dunkelverarbeitung. Die BiPRO-Norm 421 regelt TAA-Services für die Sparten Sach, Unfall und Haftpflicht und die Norm 422 für Lebensversicherungen. Auch wenn das Bereitstellen von BiPRO-Webservices komplex ist – setzt sie doch technisches wie auch fachliches Know-how sowie entsprechend leistungsfähige IT-Systeme voraus – lohnt sich der Einsatz für Versicherer mit Blick auf Wettbewerbsfähigkeit, Zeit- und Kostenersparnis. 

Fazit

Den Automatisierungsgrad der TAA-Strecke zu steigern, ist ein komplexes Unterfangen. Die Erwartungen der einzelnen Stakeholder sind hoch und die Anforderungen sowie Umsetzungsmöglichkeiten vielfältig. An welcher der vier Stellschrauben ein Versicherer letztlich drehen sollte, ist abhängig vom Unternehmen selbst und verschiedenen Rahmenbedingungen.
Entscheidend dabei: Wo Prozesse automatisiert und neu gedacht werden sollen, müssen die Mitarbeiter aus verschiedenen Fachdisziplinen in einem agilen Arbeitsumfeld frühzeitig eingebunden werden, damit sie das Optimierungspotential schnell identifizieren und heben können. 

Sie haben Fragen zum Thema Dunkelverarbeitung und Prozessoptimierung? Kontaktieren Sie uns gerne für einen Austausch.

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Autor
Business Analyst enowa AG
Christian Störmer
Business Analyst

Christian Störmer ist als Business Analyst bei der enowa AG tätig und verfügt über mehrjährige Projekterfahrung in der Versicherungsbranche. Er berät Versicherungsunternehmen im Rahmen der Implementierung von TAA-Strecken im Sachversicherungsbereich mit dem Schwerpunkt Firmenversicherungen. 

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